Von Zeiten, Zwergen und Zuständen 

Guten Morgen da drüben!

Ich habe länger nichts von mir hören lassen – die Arbeitszeiten sind einfach zu lang. Durchschnittlich wird Montags bis Samstag von 9.30 bis 22.00 Uhr gepeitscht. Die allermeisten Studenten gehen kaum vor 23.00, viele bleiben sogar noch länger. In Japan hat der Tag halt mehr als 24 Stunden...

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Erstmal ein kleines Rätsel: was ist das für ein Getränk?

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Ein kleiner Tip: das gibt’s auch bei uns. Die Auflösung gibt’s weiter unten – aber nicht spicken.

Ich wollte heute vor allem von der Universität und den Leuten da berichten.

Im Gegensatz zu allen anderen Münsteranern bin ich nicht im Noyori-Building tätig, sondern im “alten” Chemiegebäude (weshalb ich hier mal auf Bilder vom Noyori-Building verzichten möchte – das hat wohl schon jeder, der aus Münster hier ist, fotographiert...).

Hier eine kleine Übersicht über die Uni:

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Das ist das Institutsgebäude. Was da aussieht wie eine Palme vor dem Eingang ist übrigens eine Palme. Nur damit ihr eine Vorstellung von dem Klima hier habt.

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Warum gegenüber dem Eingang in den Rabatten eine Frauenstatue liegt, die sehnsüchtig zum Institutsgebäude hochschaut, konnte mir bis jetzt noch keiner erklären...

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Das ist unser Labor:

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Ich werde nie wieder behaupten, unser Großraumlabor wäre gelegentlich unaufgeräumt gewesen...

Auf was soll man erwarten, wenn 15 Leute in einem Labor arbeiten – und sich dabei 8 Abzüge teilen müssen. Oder besser gesagt “müßten” - denn die allermeisten Versuche werden einfach an der Laborbank gemacht. Nur Übernachtreaktionen müssen im Abzug laufen.

Überhaupt haben die Japaner doch etwas andere Vorstellungen von der Sicherheit im Labor. Kittelpflicht? Geschlossene Schuhe? Lange Hosen? Unnötig. Meine allererste Begegnung in einem Labor hier (genauer gesagt: in einem Labor im Noyori-Building) war eine Studentin im Minirock und offenen, hochhackigen Schuhen. (Etwas später habe ich übrigens von Lui (Ludger Tebben, der ja wieder in Münster ist) erfahren, daß sich das Mädel diese Schuhe speziell für’s Labor anzieht. Wenn sie zum Institut kommt, trägt sie wohl noch Turnschuhe...) Immerhin gibt es im Labor aber eine Brillenpflicht. Den Aufmerksamen unter euch wird aber bestimmt aufgefallen sein, daß das Wörtchen “Schutz-” vor “Brillenpflicht” fehlt...

Das ist übrigens mein Arbeitsplatz. Wen’s interessiert: die Laborbank ist etwa 40 cm breit.

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Daß man in Japan einfach nicht auf Menschen über 180 cm eingestellt ist, kann man übrigens auch sehr schön an den Abzügen erkennen. Das nächste Bild zeigt das, was ich sehe, wenn ich aufrecht vor dem Abzug stehe.

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Vielleicht wäre das doch ein Anreiz für die körpergrößenmäßig nicht ganz so gut ausgestatteten, mal nach Japan zu kommen... ;)

Die Leute hier im Labor (mit Ausnahme der beiden Assistant Profs hier allesamt so um die zwanzig) sind durchaus nett – aber bekommen einfach nicht die Zähne auseinander. Mein Japanisch ist einfach zu rudimentär und dummerweise sind die Studenten vom Chef persönlich dazu verdonnert worden an mir ihre – leider auch eher rudimentären – Englischkenntnisse zu schulen. Und dummerweise fühlen sich japanische Studenten dazu verpflichtet, daß auch zu befolgen. Das Ergebnis: die Studenten sind einfach zu verschüchtert, mit mir zu reden. Und viel von dem, was ich ihnen auf Englisch erzähle, verstehen sie leider auch nicht – was nicht an meinem Englisch liegt. Kurz gesagt: die Kommunikation könnte besser sein.

Kommen wir zurück zur Uni an sich: wie man an dem Übersichtsplan von vorhin erkennen kann, ist das hier eine Campus-Uni. Das “Wahrzeichen” der Uni ist dieses etwas vergammelt aussehende Betongebilde:

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Das ist das Toyota-Auditorium (auf dem Übersichtsplan das hellgrüne Gebäude direkt über dem “Sie sind hier”-Pfeil). Wer jetzt an einen gewissen japanischen Autohersteller denkt, liegt richtig. Denn wo hat Toyota wohl seinen Hauptsitz? In Nagoya. Direkt außerhalb des rechten Bildrandes kann man übrigens die nächste Noyori-Gedenkstätte finden. Nämlich diesen formschönen Stein mit dazugehörigem Bäumchen

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Falls euch wirklich interessieren sollte, was auf der Gedenktafel steht:


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Das hier ist International Residence, in der ich zur Zeit – nunja – residiere:

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Nicht gerade das Ritz, aber man verbringt ja nicht allzu viel Zeit hier – außer man ist chinesischer Gaststudent (die den überwiegenden Teil des Tages mit Tischtennis zu verbringen scheinen...). Das Bild zeigt den Weg zu IR:


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Vielleicht kann man an der Garage rechts im Bild erahnen, daß Nagoya doch etwas hügeliger als Münster ist – und dummerweise führt der Weg vom Institut zur IR bergauf. Nicht gerade das, was einem besonders Spaß macht, wenn man sich gegen halb elf abends nach Hause schleppt...

Das Deutschlandbild in Japan scheint übrigens etwas... kurios zu sein. Mir ist das an einer Sprachlernsoftware aufgefallen, die es für so eine tragbare Spielekonsole gibt. Von dieser Software gibt es eine ganze Reihe, in der eine knuddelige aber ziemlich bleiche Zeichentrickfigur mit einem auffallenden Mangel an Geschlechtsmerkmalen in verschiedene Länder reist, dort anderen – angeblich landestypischen – knuddeligen Zeichentricktieren begegnet und sich mit diesen in der jeweiligen Landessprache unterhält. So trifft dieses japanische Zeichentrick... ding in Thailand einen knuffigen kleinen Elefanten, in Amerika einen putzigen kleinen Bären, in China einen herzigen kleinen Panda, in Korea einen niedlichen kleinen (allerdings ganz leicht säuerlich dreinblickenden) Tiger und in Deutschland... einen grimmigen Adler, der auf dem Bild so aussieht, als würde er das japanische Etwas mit erhobenen Zeigefinger zurechtweisen.

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Bizarrerweise begrüßt diese unsympathische Federvieh unser reisefreudiges japanisches Neutrum aber mit den Worten “Guten Tag. Ich freue mich, Sie kennen zu lernen.” Wenn das mal keine schamlose Lüge ist...

So langsam will ich denn auch mal zu einem Ende kommen – aber nicht, ohne ein paar Klischees über Japan zu bestätigen: Japaner sind endlos freundlich (insbesondere in Geschäften – sehr ungewohnt sowas) und verbeugen sich ständig? Stimmt. Die japanischen Schulmädchen in zum Teil absurd kurzen Faltenröckchen? Es gibt sie. Japaner lieben Karaoke? Seht selbst:

Bild[17]
Zum Schluß noch die Auflösung:

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© 2006 Simon Janich