Von Schläfern und Sängern 

Das Leben eines japanischen Chemiestudenten ist hart: Keine Freizeit, ständig irgendwelche Praktika, selbst in der vorlesungsfreien Zeit für irgendwelche Prüfungen lernen... Oh, Moment – das waren ja wir...

Angesichts der heftigen Arbeitszeiten (wir erinnern uns: 9.30-22.00 Uhr, sechs Tage die Woche), die nebenbei bemerkt deutlich über dem Durchschnitt dessen liegen, wie japanische Studenten normalerweise so tätig sein "dürfen" (kommt euch das irgendwie bekannt vor?), stellt man sich unweigerlich die Frage, ob sich die Studenten nicht völlig in Grund und Boden arbeiten.

Die Antwort lautet klipp und klar: Nein.

Denn trotz der langen Anwesenheit wird letzten Endes eigentlich nicht mehr geleistet, als wir in grob acht oder neun Stunden schaffen. Zwischendurch wird sich immer wieder mal zum Pläuschchen zusammengefunden, Essenspausen werden ausgiebig ausgekostet oder man legt mal ein Viertelstündchen seinen Kopf auf den Schreibtisch und schläft. Ein oder zwei Leute hier kommen Vormittags zur Uni – und pennen dann bis mittags erst mal ein wenig. (Allerdings muß man anmerken, daß das dann meist die Leute sind, die bis zwei oder drei Uhr im Labor herumhängen.)

Überhaupt haben die Japaner das Schlafen bei jeder möglichen Gelegenheit zur Kunstform erhoben. In der U-Bahn, dem Zug oder dem Bus sieht man zu jeder Tageszeit schlafende Leute. Erstaunlicherweise schaffen es die Japaner zu gut 99% zu verhindern, daß ihnen der Kopf dabei auf die Schulter des Nebenmannes (oder -frau) sackt. Ich vermute, dahinter steckt jahrelanges Training. 

Um nochmal auf die Studenten zurückzukommen: in Vorlesungen schläft gut ein Viertel. Selbst in Arbeitskreisseminaren schlafen zu jedem Zeitpunkt eigentlich mindestens zwei der Studenten. Wohlgemerkt: gut sichtbar für den Professor. Aber das nimmt hier auch keiner Übel.

Was machen eigentlich japanische Studenten, wenn sie nicht gerade an der Uni herumhängen oder schlafen?

Ganz klar: Party!

Ich hatte das erstaunliche Glück, daß an dem ersten Wochenende (also genaugenommen den ersten beiden Tagen), die ich in Japan war, an der Uni ein Uni-Festival stattgefunden hat und ich so direkt erste Eindrücke von der japanischen Partykultur sammeln konnte.

Primär Frauen

Primär sah das Ganze so aus, daß entlang der beiden Hauptachsen des Campus jede Menge von den Studenten betriebene Stände aufgebaut waren, an denen verschiedenste japanische Gerichte angeboten wurden und herumstreunende Werber mit einem freundlich "Irasshaimasu" versuchten, die vorbeiziehende Masse zum Zugreifen zu bewegen.

Frauen und Schilder

(Die mit den Schildern sind solche Werberinnen.)

Zwischendrin gab’s immer wieder mal ein paar Bühnen, auf denen verschiedene Musikeinlagen geboten wurden, wie z.B. diese (englisch singende) A-capella-Truppe.

Ein paar Frauen

Oder irgendwelche Kleinkünstler boten ihre Kleinkunst dar: dieser (übrigens wie ein Schwein schwitzende) Jongleur schleuderte seine Teile  zu der japanischen Version von "Living La Vida Loca".

Keine Frau

Vor dem Toyota-Auditorium stand die Hauptbühne, auf der diverse Nachwuchsbands ihr (mehr oder weniger vorhandenes) Talent beweisen durften. Die Band, die man hier nicht wirklich sehen kann, klang ein wenig nach "Green Day" – aber auf Japanisch.

Vereinzelte Frauen

Tja, nachdem ich also am ersten Tag ein wenig auf diesem Festival herumgewandert war und langsam den Jetlag zu spüren begann, dachte ich mir, ich leg mich mal ein bißchen auf’s Ohr, und geh dann abends noch mal dahin. Also legte ich mich ein bißchen auf’s Ohr und ging abends so gegen 19.00 Uhr noch mal zum Festival. Und mußte feststellen, daß das Festival zu Ende war. Aber mit einer solchen Endgültigkeit zu Ende, die ihresgleichen sucht.

Die Stände? Bis auf einen, an denen ein paar Leute noch ihre Yakitori-Reste (gebratenes Hühnerfleisch am Spieß) vergrillten und verkauften, zusammengeklappt. Die Leute? Die einzigen, die noch herumlungerten, waren besagte Yakitori-Griller, ein halbes Dutzend westlicher Studenten und eine Band, die die undankbare Aufgabe hatte, vor diesem Restpublikum auftreten zu dürfen. Daneben wuselten noch ein paar Leute herum, die (mit unglaublicher Gründlichkeit) Müll einsammelten.

Wenn in Japan eine Party beendet ist, dann bleibt sie auch beendet...

Aber das ist nicht die einzige Party, die ich hier schon mitmachen durfte. Ziemlich früh gab’s eine "Welcome-Party" für mich. Dafür hatte sich der Arbeitskreis in einem Seminarraum versammelt, es war ausreichend Pizza und Knabberkram zur Verköstigung besorgt worden und für die durstigen Kehlen gab es reichlich Bier und einige andere – zum Teil alkoholische – Getränke. Und davon wurde auch ausgiebig genascht. Wobei "ausgiebig" relativ zu sehen ist, da einige nach erwartungsgemäß kurzer Zeit hackenstramm waren. 

Ein dreifaches Hoch auf die Leber-Alkoholdehydrogenase!

Erstaunlicherweise können Japaner, wenn sie nur genügend einen im Tee haben, ziemlich kontaktfreudig und extrovertiert werden. Höhepunkt des Abends war eine aus voller Kehle gesungene Interpretation des Gundam-Titelthemas.

Die zweite AK-Party, die ich mitbekommen habe, war am Samstag vor zwei Wochen, wobei es sich um eine Kombination aus "Encouragement-Party" für die Undergraduate Studenten, die jetzt in die Vorbereitung für die Eingangsprüfungen zu den Graduate-Studiengängen gehen, und "Welcome-Party" für einen taiwanesischen Studenten, der zwei Monate hier kochen wird, handelte. (Ziemlich viele Partyarten scheinen hier übrigens englische Bezeichnungen zu haben – wie überhaupt das Japanische von Englisch durchsetzt ist. Oder besser gesagt: "Engrisch". Aber dazu später mal mehr...)

Das Ganze fand in einem taiwanesischen Restaurant statt, wo reichlich aufgetischt wurde und das Bier in Strömen floß. Dazu muß man wissen, daß es in Japan Sitte ist, bei Festivitäten den Anderen nachzuschenken. Dementsprechend hoch war der Durchsatz an Pitchern mit Bier an diesem Abend. Insbesondere, da für die Undergraduates der Auftrag lautete: Prof. Yamaguchi abfüllen.

Dieses Ziel wurde erreicht.

Der Abend nahm den typischen Verlauf einer japanischen Party: nach etwa drei Stunden brach man vom Restaurant aus auf, um zur nächsten Station zu ziehen. Traditionell lautet die zweite Station:

Karaoke!

Die entsprechende Lokalität kennt ihr schon. Nämlich...

Keine Frau weit und breit

Entgegen dem, was man sich hier... da... bei euch... also in Deutschland so darunter vorstellt, ist Karaoke in Japan keine wirklich öffentliche Angelegenheit. Man mietet (meist für ein oder zwei Stunden) einen kleinen Raum, dessen primäre Einrichtungsgegenstände ein paar Sofas und ein riesiger Plasmabildschirm sind. Wer "Lost in Translation" gesehen hat, wird wissen, wovon ich rede. Dort wählt man aus drei telefonbuchdicken Katalogen die Lieder aus, die man zum Besten geben will, tippt den entsprechenden Code in eine Art Fernbedienung ein, und ab geht’s.

Die Auswahl und Vielfalt an zur Verfügung stehenden Liedern ist übrigens phänomenal. Ich schätze, in der Karaoke-Bude, wo wir waren, gab es drei- bis viertausend verschiedene Lieder zur Auswahl. Die Bandbreite reichte von den Klassikern ("My Way") über zahllose Schnulzen, bis hin zum übelsten Gangta-Rap und... Metal. "Battery" von Metallica? Kein Problem. "Right Now" von Korn? Ham wa! "Closer" von Nine Inch Nails? (Jaja, kein Metal.) Aber natürlich. W.A.S.P.? Iron Maiden? Danzig? Slayer? 

Ich versuche gerade, mir einen Haufen langhaariger Metaller vorzustellen, der in diesem Raum sitzt, und wild headbangend Metal-Karaoke macht...

Aber bevor ihr auf dumme Ideen kommt: ich bin an diesem Abend im Rahmen geblieben und habe mich primär an die Beatles gehalten. Und – ich gebe es zu – Frank Sinatra. Die Versuchung war einfach zu groß...

Die anderen Anwesenden gaben hauptsächlich japanische Schnulzen (wobei ich anmerken möchte, daß "Chemistry" und "Mr. Children" wirklich bescheuerte Namen für Pop-Acts sind), chinesische Schnulzen (richtig schlimm) und mehr Anime-Titellieder zum Besten.

Um übrigens noch was anzumerken, was japanische Karaoke-Maschinen neben der Unmenge an Liedern von europäischen abgrenzt: die Dinger unterstützen auch den "Gesang". Zum Beispiel wird an bestimmten Stellen besonders viel Timbre in die Stimme gelegt, die der Sänger nie alleine Zustande bekommen würde.

Gegen 1.00 Uhr ging dann auch diese Party zu Ende – zumindest für die meisten. Die "Kleinen" sind noch zur nächsten Karaoke-Station weitergezogen, nachdem einige, die sich vorher abgesetzt hatten, wieder dazugestoßen waren. Mir war’s dann aber doch genug.

Soviel also zu meinen bisherigen (zugegebenermaßen eher beschränkten) Party-Eindrücken hier.

Nächstes Mal:

SUMO!

Schwergewichtige Männer in Windeln

© 2006 Simon Janich