Von Salzstreuern und Schwergewichten

Hmmm... die ganze letzte Woche bin ich von allen möglichen AK-Mitgliedern gefragt worden, ob ich schon gesehen hätte, was einer der Studenten mit seinen Haaren gemacht hat. Ich hatte keine Ahnung, wovon die Leute reden... bis der Entsprechenden mal direkt unter einer Lampe stand.

Er hatte sich die Haare gefärbt. Von Schwarzbraun zu Braunschwarz. Riesiger Unterschied...

Aber zum eigentlichen Thema.

Am 17. Juli gab’s hier in Japan einen Feiertag (ihr merkt vielleicht, daß ich hier etwas hinterherhänge...), also: Keine Arbeit!

Jipieh!

Daher mußte der Tag irgendwie anders verbracht werden. Da traf es sich gut, daß vom 9. bis zum 23. in Nagoya ein großes Sumo-Turnier ("Basho") stattfand – um genau zu sein, eines der acht wichtigsten Turniere.

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Jedes Sumo-Turnier dauert fünfzehn Tage und jeder der Kämpfer hat pro Tag einen Kampf. Die Kämpfer sind je nach Leistung in sechs Divisionen aufgeteilt, wobei die höchste (quasi die Erste Bundesliga) die Makuuchi-Division ist. In jeder Division sind die Kämpfer wiederum (per Los) auf zwei separate Ranglisten verteilt: Ost und West. In einem Turnier kämpfen die Ringer der West-Rangliste gegen die der Ost-Rangliste. Ziel des Ganzen ist es, mindestens acht Siege einzufahren (Kashikoshi), womit man eine Chance auf eine bessere Platzierung in der Rangliste bekommt. Bei mindestens acht verlorenen Kämpfen (Makekoshi) kann man dagegen herabgestuft werden. Ungewöhnlicherweise ist derjenige Turniersieger, der die meisten Siege hat.

Klar soweit?

Ein Turniertag beginnt um 9.00 Uhr. Zunächst verwemsen sich die Kämpfer der unteren Divisionen, bis dann gegen 16.00 Uhr die wirklich interessanten Kämpfe der Makuuchi-Division laufen. Den letzten Kampf – quasi als Headliner – bestreitet der aktuelle Spitzenreiter der Makuuchi-Division, der Yokozuna.

Anders, als man es spontan erwarten würde, hält der Yokuzuna diesen Titel so lange, bis er freiwillig in den Ruhestand geht. (Also fast wie Bayern München.)

Die Einteilung in "Ost"- und "West"-Rangliste kann man übrigens durchaus wörtlich nehmen. Der Ring ist nämlich nach den Himmelrichtungen ausgerichtet. Einer der Kämpfer steht auf der Ostseite, der andere auf der Westseite. Der Ringrichter (Gyoji – der Typ im Kleid) steht (zumindest anfangs) mit dem Gesicht nach Norden. In den Bildern hier sieht man von Südwesten auf den Ring.

Wie läuft jetzt ein Sumo-Kampf ab?

Das Ganze beginnt mit der Vorstellung der Kämpfer. Also ähnlich wie beim Boxen mit: "And in the red corner: Vladimiiiiir Klitschkoooooooooooooooo!" Sogar in verblüffenden ähnlichem Stil – aber mindestens zwei Oktaven höher.

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Die Kämpfer betreten dann den Ring und vollführen einige Reinigungsrituale für den eigenen Körper (wie das Ausspülen des Mundes mit Wasser) und den Ring, wozu auch das Streuen einer Handvoll Salz gehört. Vermutlich gegen Glatteis.

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Bei Bedarf werden diese Rituale ein paar Mal wiederholt. Ob man daraus Rückschlüße auf die Körperhygiene der Ringer ziehen kann, weiß ich allerdings nicht. Gelegentlich gibt es während dieser Rituale eine kleine Werbeunterbrechung.

Der tiefere Grund dahinter: gelegentlich spenden Firmen für einen bestimmten Kampf Geld oder Sachpreise, die dann der Sieger bekommt. Als Gegenleistung wird dann eben ein buntes Tuch mit dem Namen der Firma herumgetragen.

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Wenn dann endlich alles sauber genug ist, stellen sich die Kämpfer gegenüber auf, stampfen noch mal ein paar Mal auf... 

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...zeigen die Hände, um zu beweisen, daß sie unbewaffnet sind... 

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...gehen in Startposition, und sobald beide Kämpfer dann mit beiden Fäusten den Boden berührt haben, geht’s los. Es verliert derjenige, der entweder zuerst den Boden mit einem anderen Körperteil als den Füßen berührt, oder als erster aus dem Ring tritt (oder fliegt). 

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Dabei ist eigentlich alles erlaubt. Außer Faustschläge. Und Tritte. Und Ziehen an den (geölten) Haaren. Und Würgen. Und Augenauskratzen. Und Griffe an den Teil des Gürtels, der die... naja... Weichteile bedeckt. 

Eine besonders effektive Methode, den Kampf zu gewinnen, ist es, beim Start – wenn die Ringer eigentlich aufeinander zu stürzen – einfach einen Schritt zur Seite zu machen. Vorausgesetzt, man ist schnell genug... 

Damit ihr euch von dem Ganzen ein besseres Bild machen könnt, habe ich einen  Kampf in (fast) voller Länge von 4:13 mit meiner Kamera gefilmt. Die Qualität ist nicht überragend, sollte aber reichen. Es kämpft Tamanoshima (Ost) gegen Homasho (West). Ich hoffe, ich nehme euch nicht allzu sehr die Spannung, wenn ich verrate, daß Tamanoshima gewinnt. Bitte hier entlang. 

Manche Kämpfer ziehen bei den Ritualen eine mächtige Show ab. Entweder, sie schmeißen eine ziemliche Menge Salz im hohen Bogen in den Ring, oder klatschen sich mit Schmackes ins Gesicht, wenn sie in der Ecke sind, oder werfen dem Gegner Blicke zu, die jeden unter 150 kg töten würde, wenn sie sich im Ring gegenüber stehen. Das kommt beim Publikum natürlich ziemlich gut an.

Übrigens kommen längst nicht mehr alle Sumo-Ringer aus Japan. In den letzten Jahren waren bereits einige Hawaiianer und Mongolen sehr erfolgreich. Seit einiger Zeit sieht man auch immer mehr Osteuropäer, wie in diesem Bild.  

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Links im Bild: Kotooshu, mit bürgerlichem Namen Mahlyanov Kaloyan Stefanov und gebürtiger Bulgare. Rechts (durch die blonden Haare recht auffällig): Baruto, der sonst auf den Namen Kaido Hoovelson hört und aus Estland kommt. Aufgrund der Publikumsreaktion darf man übrigens annehmen, daß beide recht populär sind. 

Wie bereits gesagt, tritt im letzten Kampf der gegenwärtige Yokozuna an. Zur Zeit ist das Asashoryu (was nebenbei bemerkt "blauer Morgendrache" heißt...).  Naturgemäß gerät das Publikum dann natürlich besonders aus dem Häuschen und schwenkt Plakate auf denen sowas wie "Asashoryu, ich will ein Kind von dir" steht. Oder zumindest sowas ähnliches. 

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Asashoryu ist links im Bild... 

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...und gewinnt natürlich. 

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Am Ende des Turniertags wird dann noch der "Bogentanz" aufgeführt. Der Sage nach wurde dieser in der Edo-Zeit zum ersten Mal aufgeführt, weil sich ein Ringer wie blöde darüber gefreut hat, daß er bei einem Turnier einen Bogen gewonnen hatte. 

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Der Turniersieg ging übrigens mit 13 zu 2 gewonnenen Kämpfen an... Asashoryu. Keine wirklich Überraschung.

© 2006 Simon Janich