Things To Do In Nagoya When You Are Undead

Okay, eigentlich hatte ich euch an dieser Stelle SUMO versprochen, aber aus gegebenem Anlaß verschiebe ich das auf das nächste Mal (was ich hoffentlich recht bald zustande bekomme).

Doch vorweg an Euch, die Ihr schwachen Herzens seid: Ihr werdet die Dunkelheit erleben. Ihr werdet Blut sehen. Ihr werdet das Absolut Böse schauen. Und James Stewart kommt auch vor.

Ich meine es ernst.

Behauptet also nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

Ihr seid noch da?

Selber schuld.

Sightseeing, Sumo, Arbeitskreis-Parties und lange Abende im Labor sind ja ganz nett (gut, beim letzten habe ich gelogen), aber es gibt auch noch andere Möglichkeiten, seine Freizeit in Nagoya zu verbringen.

Zum Beispiel die Stigmatic Gothic-Parties im P.O.D. in Nagoya Sakae.

Psychodelic!

Obwohl ich eine Wegbeschreibung und einen Plan hatte, war das P.O.D. gar nicht mal so einfach zu finden. Der Schuppen befindet sich nämlich im vierten (nach deutscher Zählung dritten) Stock eines Geschäftsgebäudes - und zwar ohne, daß unten irgendwie dran stehen würde, das der Laden in diesem Gebäude ist. Wären da die Ansammlungen von schwarzgewandeten Gestalten und die über die Straße schallende Musik nicht gewesen, wäre ich wohl dran vorbei gelaufen.

Auf der Suche hatte ich zwischenzeitlich den Eindruck, mich völlig verfranzt zu haben:

Mein Freund Harvey

Aber das war dann doch nur ein Imitat anläßlich der Städtepartnerschaft Nagoya–L.A.

Was macht man auf japanischen Gothic-Parties? Eigentlich nicht viel anderes als auf deutschen Gothic-Parties. Man kleidet sich (überwiegend) in Schwarz...

J-Goths zum Ersten

...versucht, gelangweilt auszusehen, ...

J-Goths zum Zweiten

...bewundert vielleicht die Dekoration, ...

Ozzy hätte keine Freude dran

(Falls ihr das nicht erkennen solltet: das sind Plastikfledermäuse.)

...und bewegt sich (mehr oder weniger) rhythmisch zu düsterer Musik.

Tanzende J-Goths

Auf dem zweiten Bild verstecken sich übrigens drei von fünf anwesenden Nicht-Asiaten.  Wer sie findet, darf sie sich ausschneiden und an die Wand hängen. (Den Vierten werdet ich gleich noch sehen, der Fünfte... naja... wer wird das wohl sein?)

Eine wichtige Erkenntnis für Japan-Reisende: in Discos tanzen Japaner zu 99% in Richtung des DJs  – und zum Teil beeindruckend synchron (wodurch die Platzausnutzung beträchtlich erhöht wird).

Zwei bemerkenswerte Gäste seht ihr in diesem Bild:

Hellraiser?

Der Typ rechts (geschätzt ca. 45 Jahre) trug eine Priestersoutane, eine Sonnenbrille, diesen abgefahrenen Lederkragen, Krallenhandschuhe, an denen rote Leuchtdioden blinkten und von Zeit zu Zeit eine schwarze Maske, die Mund und Nase bedeckte (im ersten Bild auf dieser Seite ansatzweise rechts zu erkennen). Um das Bild perfekt zu machen: die erste Stunde oder so hat er sich noch mit einer Lederpeitsche (zaghaft) selbst gegeisselt. Scheint aber sonst ein sehr umgänglicher Typ zu sein.

Die Frau dahinter im Leopardenkleid ist ein Mann.

Soweit nichts wirklich ungewöhnliches.

Was man auf dem Tanz der Vampire allerdings eher selten zu sehen bekommt, sind Leute, die sich ein Branding verpassen oder die Zunge spalten lassen.

So gegen 1.00 Uhr wurde die Tanzfläche zum Teil geräumt, dramatische Musik aufgelegt, Stühle und ein paar Tischchen aufgebaut und einige Freiwillige begaben sich (zum großen Interesse der sonstigen Anwesenden) in die fähigen Hände professioneller Brander und Zungenspalter.

Die Passion Christi?

Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Man vergleiche die Theatralik des Typen (Augenbinde, hat sich den Arm festketten lassen) mit der ausgesprochen lässigen Haltung des Mädels im zweiten Bild. Das ist ein allgemeiner Trend: die Frauen haben im Gegensatz zu den Männern nicht die Leiden Christi zur Schau gestellt.

Höhepunkt des Brandings war ein Kerl, der sich ein (natürlich umgedrehtes) Kreuz auf die Stirn hat brennen lassen. Während bei allen anderen Brandings ein Kauterisierer (praktisch ein medizinischer Lötkolben) verwendet wurde, kam hier der in den Bildern oben zu sehende stilvolle Kerzenständer zum Einsatz. Wer genauer hinsieht, kann daran ein kleines silberner Kreuz erkennen. Etwa auf Stirnhöhe.

Wer sich jetzt noch dazu eine Lötlampe...

Firestarter

...und einen langhaarigen Kerl vorstellt, der davorsitzt und seine Stirn dagegendrückt, bekommt in etwa einen Eindruck. Leider ist auf den Bildern, die ich davon gemacht habe (oder besser: versucht habe, davon zu machen) nicht viel zu erkennen.

Getoppt wurde das Branding allerdings durch das parallel dazu stattfindende Spalten diverser Zungen.

Dazu setzen sich die Delinquenten auf einen Stuhl, der Mund wurde mit Desinfektionslösung gespült, die Zunge betäubt, und dann mittels Skalpell und (vor allem) Electrocutter gespalten.

Um euch die allzu fiesesten Bilder zu ersparen (okay, ich bin nicht näher rangekommen), könnt ihr auf der Videoleinwand im Hintergrund das Ganze im vollen Gange sehen. Gefilmt wurde von der Frau links. (Man beachte auch den Typen im stilechten Hawaii-Hemd vorne rechts.)

Hawaii 0-6

Trotz Electrocutter ist das allerdings keine wirklich unblutige Angelegenheit.

Blut überall!!!!

(Höre ich da weibisches Gekreische? Habe ich euch nicht gewarnt??)

Danach verschwanden die frisch Operierten in einem Hinterzimmer, um den Mund nochmal gründlich mit Desinfektionslösung zu spülen (und zu warten, bis die Blutung nachläßt).

Die Frau ist übrigens nicht so blaß, weil es ihr nach der Spaltung der Zunge nicht wirklich gut geht. Ganz im Gegensatz zu der Frau am rechten Bildrand...

Gut zehn Minuten nach dem Eingriff ging’s dem Mädel offensichtlich wieder blendend.

*Freu*

Einer der neuerdings Gespaltenen war der bereits erwähnte vierte Nicht-Asiate.

Der Dünne Mann

Erinnert er euch nicht an ein Schaf auf der Schlachtbank?

Tja...

Marathon Man

Bevor übrigens irgendwelche falschen Vorstellungen aufkommen: es wurde absolut professionell und hygienisch gearbeitet. Alle Brandwunden wurden mit desinfizierenden Salben und sterilen Verbänden versorgt, die Instrumente waren alle steril, die Arbeitsbedingungen aseptisch. Die Latexhandschuhe waren allerdings in stilechtem Schwarz (s. oben) und der “Spucknapf” ein Kelch mit Totenkopfverzierungen.

Alle Brandopfer oder Gespaltenen hatten einen "Special Guest"-Pass, waren also überhaupt erst zu dieser Party gekommen, weil sie sich bereit erklärt hatten, dort öffentlich Brandmarken oder Spalten zu lassen. Es gab also keine besoffenen Kurzschlußhandlungen.

Und nein - ich habe weder ein Branding noch eine gespaltene Zunge.

Nach knapp einer Stunde waren dann alle Freiwilligen versorgt und die eigentliche Party ging weiter. Alle anderen Nicht-Asiaten habe ich danach übrigens nicht mehr gesehen... 

Weicheier.

Auf den Heimweg habe ich mich so gegen 5.00 Uhr gemacht, um die erste U-Bahn mitzubekommen.

Wer jetzt Interesse bekommen hat, auch mal auf japanische Gothic-Parties zu gehen und zufällig demnächst in der Gegend ist: die nächste Stigmatic-Party ist am 30.09.2006.

The Night Flyer

Wem der Untertitel der Party ("The Darkside of Electro Ritual - ...to the Mechanic Dark Zone") wie eine sinnlose Aneinanderreihung englischer Wörter vorkommt: Herzlichen Glückwunsch. Du hast eine wertvolle Lektion über den Umgang der Japaner mit Fremdsprachen gelernt.

Was höre ich?

(Stimmen aus dem Off) "Du hast uns das Absolut Böse versprochen! Das war zwar böse, aber nicht sooooo böse!"

Okay.

Ihr habt es so gewollt.

Schräg gegenüber des P.O.D. habe ich diesen Laden gesehen - zum Glück um 23.00 Uhr schon geschlossen...

Evil Dead

Das nächste Mal (wirklich):

SUMO!

© 2006 Simon Janich